Freitag, 9. Dezember 2011 12:24
Als Sozialvorsteherin und Kantonsrätin befasse ich mich fast täglich mit dem Gesundheitswesen. Vor einem Jahr wurde die neue Pflegefinanzierung in den Alters- und Pflegeheimen sowie bei der Spitex eingeführt.
Müssen bei der Spitex nun die Klienten mehr bezahlen als vorher, können jene Bewohner in den Heimen von einer Entlastung sprechen. Man macht keinen Unterschied mehr, ob ein Millionär Pflege im Heim in Anspruch nimmt, oder jemand, welcher schon immer am finanziellen Existenzminimum gelebt hat. Die BewohnerInnen in den Heimen bezahlen für die Pflege alle gleichviel. Den Rest übernehmen die Gemeinden. Die Pflegefinanzierung ist ein enorm grosser Ausgabeposten in den Budgets der Gemeinden und hat bei mancher Gemeinde ein grosses finanzielles Loch beschert. Einmal mehr ein Gesetz, welches der Bund erlässt, kostet die Gemeinden enorm viel Geld.
Mit der Pflegefinanzierung wurde auch ein neues 12-teiliges Einstufungsprogramm eingeführt. Die BewohnerInnen werden nun besser und differenzierter beurteilt, was ihre Gesundheit betrifft. Ein enormer Aufwand für das Pflegepersonal.
Der administrative Aufwand des Pflegepersonals hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Alle Details müssen in die Pflegedokumentation eingetragen werden. Die Krankenversicherer tragen noch einiges zum administrativen Mehraufwand bei. Ihre Leistungen werden nur noch erbracht, wenn alle ihre Anforderungen, sprich differenzierter und bis ins Detail beschriebener Krankheitsverlauf aufnotiert und ärztliche verordnet ist. Wir sind bereits soweit, dass in einem Alters- und Pflegeheim jede Gehtrainingsminute, welche das Pflegepersonal mit einem Bewohner macht, vom Arzt verschrieben werden muss. Dies muss dann in der Pflegedokumentation notiert werden. Tagliches Gehtraining ist für die Beweglichkeit und den Organismus eines jeden Bewohners gut. Die pflegerische und betreuerische Aufgabe, welche die Betagten bräuchten, bleibt schlicht weg auf der Strecke. Doch gerade dies, wäre oft viel besser und würde den Leuten viel mehr bringen, als bis ins Detail beschriebene Krankheitsverläufe, welche man auch auf andere Weise nachvollziehen könnte wenn man wollte. Die FDP plädiert für weniger Bürokratie. Dies sollte dringend auch im Gesundheitswesen Einzug halten. Der gesunde Menschenverstand hat uns Menschen weit gebracht. Geht dieser in unsere Hightech- und Elektronik-Welt vollkommen verloren?
So habe ich neulich in der Zeitung Zentralschweiz Sonntag folgenden Titel gelesen „Hightech-Plüschroboter soll Bewohner erfreuen“.
In Japan werden Hightech-Plüschroboter für die Betreuung von Demenzkranken alten Menschen eingesetzt. Die Argumente für ein Plüschtier-Roboter sind wie folgt: „Demenzkranke Menschen würden zum Teil Phasen durchleben, in denen sie ständige soziale Interaktionen wünschen“ und hier sind wir wieder beim Punkt des Pflegepersonals. „Das Pflegepersonal könne dies aus mangelnder Zeit nicht ständig zur Verfügung stellen und das spreche für einen Roboter“.
Was kann dieser Roboter: Wenn man über sein weiches Plüschfell streicht, so fiept er. Dann blinzelt die Robbe mit ihren herzigen Knopfaugen und wedelt freudig mit dem Schwanz. Die Robbe reagiert mit hochsensiblen Sensoren auf Berührungen und gibt dementsprechend Feedback. Das Fr. 5000.— teure Robbenbaby soll die Gemütslage von demenzkranken und depressiven Betagten stimulieren.
Ich frage mich wirklich kann ein Roboter ein Ersatz für unser Pflegepersonal werden? Mal Hand aufs Herz. Hätte unsere Mutter oder unser Vater, welche sich gewohnt waren, körperlich zu arbeiten, Freude an einem Robbenbaby? Eine Robbe, welche in unseren Breitengraden gar nicht lebt?
Dieses Jahr war das Jahr der Freiwilligen. In vielen Gemeinden wurden die Freiwilligen geehrt und ihre Arbeit gewürdigt. Ich frage mich weiter, könnten nicht Freiwillige Menschen in den Ablauf miteinbezogen werden, welche mit Demenzkranken spazieren gehen, sich mit Ihnen unterhalten und von alten Zeiten reden?
Dies sind einige Anregungen und Gedanken, welche mich beschäftigen, wenn ich mit unseren Mitarbeiterinnen unsere Alters- und Pflegeheims diskutiere. Die Arbeit unseres Pflegepersonals, sei in Spitälern, Pflegeheimen oder anderen Institutionen ist zu schätzen. Ihre Arbeit ist nicht nur Beruf, sondern Berufung.